Sonntag, 18. November 2007

Androgyne Ambiguität ...

... oder: Was habe ich mit Bill Kaulitz und Marilyn Manson gemeinsam?

Morgen wird ein mehrseitiger Artikel im Spiegel erscheinen mit der Thematik der Zwischengeschlechtlichkeit, Intersexualität, Hermaphroditismus ... wie auch immer man es benennen mag. In jedem Fall wird es unter anderem auch um Menschen wie mich gehen.

Nun entdecke ich auf Spiegel-Online (E-Papers) große Fotos der oben genannten Akteure als Aufmacher für diese Story.
Nichts gegen Publicity, die ist in jedem Fall gut und auch notwendig. Schade ist es dennoch, daß hier nur wieder mit Äußerlichkeiten Quote gemacht werden kann. Interessant scheinen intersexuelle Menschen nur dann zu sein, wenn man es ihnen auch ansieht. Und da müssen dann immer wieder Menschen ihren Kopf hinhalten, die mit ihrer Androgynität spielen, ein Vexierbild im Bezug auf die Geschlechtlichkeit bieten können.

Ich biete eben dieses Bild nicht ... gestatten, Schlepp, 38 Jahre, Diagnose: Komplette Androgenresistenz, will sagen, theoretisch, chromosomal bin ich ein Kerl. Leider hat sich keiner der Rezeptoren in meinem Körper für das ausgeschüttete Testosteron verantwortlich gefühlt, und damit die versammelte Menge an Rezeptoren nicht so teilnahmslos dumm rumstehen haben sie beschlossen, stattdessen haufenweise Östrogene zu akzeptieren. Resultat, ein weiblicher Körper aber ohne Fortpflanzungsorgane, mal abgesehen von ein paar innenliegenden haselnußgroßen Eiern Gonaden. "Abgefahren, was es nicht alles gibt." Naja, jetzt stecke ich hier drin, habe mich nach all den Jahren damit arrangiert. Es war oft ein harter Weg.

Worauf ich aber eigentlich hinaus will. Gerade die Tatsache, daß man mir nichts ansieht, hat den Arzt damals dazu veranlaßt, meinen Eltern und mir ein Schweigegelübde aufzuerlegen. "Reden Sie mit niemandem drüber ... Die Leute verstehen das sowieso nicht". So lief ich also jahrelang durch die Welt, mit der perfekten Tarnung. Dieses jahrelange Schweigen war die härteste Zeit meines Lebens, ich habe sehr darunter gelitten. Mittlerweile, dank Internet, durch das Auffinden zahlreicher Geschlechtsgenossinnen rede ich mit jedem darüber, der es nicht wissen will, und das tut so verdammt gut.

Leider interessiert das keine Sau. Die innere Zerrissenheit, oder auch die Frage warum ein Arzt glaubt, daß die Menschen mit XY-Frauen nicht umgehen können, scheint bei weitem nicht so interessant wie eine dicke Lage Kajal bei einem pubertierenden Minirocker oder einem sog. "Schockrocker". Eigentlich schade.

Werde mir morgen aber trotzdem einen Spiegel kaufen. Vielleicht hab ich auch nur was falsch verstanden ...
einsortiert unter: Intersexdosen
SingleMama - 18. Nov, 21:40

Dein Fall ist ein gutes Beispiel dafür, wie gut es doch ist, daß die Welt dank Internet kleiner geworden ist und man zu allen Sorgen/Themen/was auch immer Leidens(?)genossen/Gleichgesinnte/Gesprächspartner finden kann.

Und ich selbst bin auch nur durch das Internet auf die Thematik der Zwischengeschlechtlichkeit aufmerksam geworden, denn dies scheint mir etwas zu sein, was auch heute noch im "normalen" Leben völlig totgeschwiegen wird.

Mich persönlich interessiert (und ich hoffe, ich trete dir mit dieser Frage nicht zu nah): fühlst du dich als Mann oder Frau? Denn ich frage mich immer, ob man sich als Mann oder Frau deshalb fühlt, weil man so aussieht oder weil die Gene es "vorschreiben".

Liebe Grüße
SingleMama

NibblesChris - 19. Nov, 09:19

Die Frage nach dem Gefühl lässt sich nicht in einfachen Worten, nicht in wenigen Sätzen beschreiben und manchmal sogar nie. Dicke Wälzer wurden bereits darüber geschrieben und immer noch kann uns keiner der Wissenschaftler und keiner der Philosophen glaubhaft verklickern, "was ist ein Mann" und "was ist eine Frau". Definition Fehlanzeige.

Hast du dich niemals gefragt, warum du dich als Frau fühlst? Das Äußere (d.h. das Körperliche) steht doch manchmal so sehr in krassem Gegensatz zu unserer Seele und zu dem, was wir fühlen.

Warum kommt Crispy auf solche Gedanken? Weil sie eine große Schwester hat, die sie sehr idolisiert (hat) und die sie seit jeher als (Motorrad-)Lesbe kennt. Schwestern als Vorbild...
schlepp - 19. Nov, 22:25

Auweia

Da kann ich Crispy prinzipiell zustimmen. Die Frage ist so global und läßt sich sicher nur versuchsweise beantworten. Ich spreche nur für mich wenn ich sage, daß ich mich allem Anschein nach weiblich fühle. Die Gene sagen zwar was anderes ... aber im großen und ganzen Lebe und fühle ich als Frau. So ist zumindest mein momentaner Stand der Dinge (mein Werkzeugschrank mag eine andere Sprache sprechen ;-) ... aber ich entspreche in vielen Dingen sicher eher dem weiblichen Klischeebild ... naja das ist natürlich auch wieder sehr biegsam ... du siehst, ich verfalle ins Schwafeln ... vielleicht noch eins zum Abschluß, ich habe mein ganzes Leben andere Menschen (für ihre "Normalität) beneidet, tue ich auch immer noch, aber dann eben auch nur die Frauen, wollte immer so sein, hätte gerne meine Tage gehabt, hätte gerne monatliche Krämpfe auf mich genommen (und bitte jetzt nicht denken: "Sei froh ... daß du ...") ... würde gerne Kinder kriegen können. Naja ... jetzt reichts aber mit dem Erklärungsversuch. Ist wohl schon spät ...
drachenlady - 30. Nov, 10:21

mich interessiert es auch. und dass es zuerst über die äußerlichkeiten und die stars geht, das liegt vielleicht daran, dass es erst der erste schritt der gesellschaft ist, sich mit dem thema zu beschäftigen... das ist doch immer so: erst muss man die leute mit viel geschrei und tamtam aufmerksam auf ein thema machen und dann kann man irgendwann vielleicht auch mal in die tiefe gehen und differenzierter darüber reden. deshalb finde ich es gut, wenn es blogs wie deins gibt. gibt auch noch menschen, die von der oberflächlichen berichterstattung der medien noch nicht befriedugt genug sind... ;) (über dein blog bin ich durch inters blog gestolpert...)

schlepp - 1. Dez, 19:45

Da gebe ich dir vollkommen recht. Aufmerksamkeit ist sicher erstmal viel besser als Schweigen, das hatte ich 30 Jahre.
Man muß wohl immer wissen, wenn man eine Boulevardzeitschrift liest, daß hinter den Geschichten oft viel mehr oder auch weniger steckt.
Allgemein schreibe ich übrigens immer weniger über die Thematik, da es mich immer nur phasenweise beschäftigt, aber wer weiß ... freue mich, daß du hergefunden hast.

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